Der 4. Oktober soll also der ereignisreichste Tag meines bisherigen Aufenthaltes werden. Alles beginnt mit einer Einladung zur (nachträglichen) Feier des Tages der Deutschen Einheit in der deutschen Botschaft in Kinshasa. “Straßenanzug und Uniform erwünscht” lautet der Dress-Code der Veranstaltung, die gemäß deutscher Pünktlichkeit um 18 Uhr beginnt. Linda, eine deutsche Medizin-Studentin, die in einem Projekt an zwei Kliniken in Kinshasa Gebärmutterhalskrebs-Screenings durchführt und ihr kongolesischer Freund Serge waren ebenso wie zwei andere Deutsche mit von der Partie. Linda hat eigens für unsere Gruppe den Sprinter der Klinik organisiert, hinten fensterlos und ohne Sitzbänke, dafür aber mit Plastikbestuhlung. Klimaanlage hatte der Bus natürlich auch nicht, aber in Kinshasa ist es schließlich nicht verboten, mit offenen Schiebetüren herumzufahren. Die Botschaft liegt in einen schönen und relativ ruhigen Viertel der Innenstadt – quasi das Diplomaten- und Politikerviertel des gesamten Kongos, direkt am Fluss, der die Grenze zur Republik Kongo mit der Hauptstadt Brazzaville darstellt. Auf dem Weg dorthin fahren wir vorbei am Justizpalast, der chinesischen Botschaft und einem Gebäudekomplex, der zur staatlichen Administration gehört. Auf einmal ruft Serge dem Fahrer zu, er solle anhalten, zieht mich am Arm, drückt mir einen Fotoapparat in die Hand und warnt mich vor: “Das wird dir gefallen!” Ich steige aus, er zieht mich hinter sich her und begrüßt eine Runde von Männern in Anzug und Krawatte mit den Worten: “Bonjour, Monsieur Lumumba.” Ich bin perplex und kann kaum Worte fassen, bis sich Monsieur Lumumba mir als der biologisch erstgeborene Sohn von Patrice Émery Lumumba vorstellt. Wow! Das ist Geschichte zum Anfassen, zumal er seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten ist: Kinnbart, langgezogene Nase, dieselben Augen, den gleichen Friseur und fast auch das Charisma seines Vaters. Er gibt mir seine Nummer und verspricht mir, mich anzurufen, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.

Wir müssen auch gleich weiter, sonst verpassen wir noch die Vorband in der Botschaft. Dort angekommen drückt Linda dem Fahrer 10 $ in die Hand für die Verpflegung, während wir uns dem Eingang der Botschaft nähern. Ausweiskontrolle, Sicherheitskontrolle, Metalldetektoren. Es muss ja alles seine sichere Richtigkeit haben. In der Botschaft stehen sind der Botschafter Dr. Blomeyer und seine Frau am Eingang und schütteln eifrig Hände, ziemlich viele, wie sich später herausstellt, weil weit über 250 Gäste anwesend sind, die sich von Kongolesinnen in schwarz-rot-goldener Kleidung Wein, Bier und Häppchen servieren lassen. Da gehen also unsere Steuergelder hin. Das erste was ich mache, ich schnappe mir ein Gläschen Wein, schließlich soll sich das Tragen meines “Straßenanzugs” auch lohnen. Wir kommen auch schnell mit ein paar Deutschen ins Gespräch, die geschäftlich in Kinshasa sind. Sie machen so genannte Kompensationsgeschäfte, d.h. sie bieten der kongolesischen Regierung den Bau von Straßen im Tausch gegen Minenkonzessionen an. Natürlich sind die Konzessionen weitaus mehr Wert als die Straßen. “Aus einem Dollar mach ich hier 30!” erzählt mir Jürgen ganz stolz. Jürgen wohnt mit seiner Familie in Deutschland, hat seinen Erstwohnsitz aber in Litauen “wegen der Steuern”, wie er sagt. Das private deutsche Unternehmen befindet sich ebenfalls komplett in Deutschland, hat seinen Sitz aber in Malta “wegen der Steuern”, wie er sagt. Irgendwann sage ich zu Serge: “Das sind die wahren Teufel, die den Kongo zugrunde richten.” Wir werden von der Ansprache des Botschafters unterbrochen, die zunächst mit den Nationalhymnen der beiden Länder beginnt. Das kongolesische Streichorchester zelebriert erst die deutsche. Stille, bedrückendes Auf-den-Boden-Starren. Dann geht es weiter mit der kongolesischen Hymne. Man hört ein leises Murmeln der Kongolesen, das gegen Ende sogar zu einem regelrechten Gesang ausartet und mit einem kräftigen Applaus honoriert wird – das ist eben das klassische Motiv introvertiert vs. extrovertiert. Der Botschafter hält seine Ansprache auf Französisch, betont mehrfach, dass “Deutschland keinerlei Interesse daran hat, einen bestimmten Kandidaten im Vorfeld der Wahl im November zu unterstützen”. Na klar.
Danach wird gegessen: Spätzle, Sauerkraut, Kasseler, Rotkohl und andere kulinarische Köstlichkeiten aus Deutschland stehen auf dem Speiseplan. Obwohl wir irgendwann vollgestopft und betrunken sind, diskutieren wir wild über Politik im Kongo, Sozialismus und Kapitalismus. Die Frage, die wir uns stellen: Wer hat eigentlich gesagt, dass die Demokratie das beste für den Kongo ist? Um 22 Uhr ist Schluss mit Diskussion, Feierei und Trinkgelage und wir schwimmen mit dem Strom der letzten nach draußen. Am Ausgang steht ein Mann, der mir vorgestellt wird, ein Sachbearbeiter der Botschaft. Schließlich stellen wir fest, dass er aus Künzell stammt und meine Mutter im Zuge der Hochzeit mit seiner französischen Frau beim Rechtsanwalt gedolmetscht hat. Man trifft sich also in Kinshasa..

Der Fahrer hat vor der Botschaft artig auf uns gewartet und wir steigen gegen 22 Uhr ein. Da er neu ist, kennt er sich noch nicht so wirklich in Kinshasa aus und wir landen nach bereits drei Minuten fahrt in einer Sackgasse. Unser Auto wird umringt von mit Kalaschnikow bewaffneten Soldaten. Ob wir nicht wüssten, dass man hier nicht lang fahren darf. Schließlich befände sich in einem Kilometer die Residenz des Präsidenten Kabilas. In Europa würde man sagen: “Es tut uns Leid, der Fahrer wusste das nicht” und man dreht einfach um. Nicht so in Kinshasa. “Alle Mann aussteigen!” Es wird wild gestikuliert, Ausweise kontrolliert und schließlich wird uns gesagt, wir müssten eine Strafe von 50 $ zahlen, schließlich seien ja drei Mundeles mit an Bord, die haben ja Geld. Als wir ihnen erzählen, dass wir von der deutschen Botschaft kommen, die wie gesagt nur drei Minuten entfernt ist, entspannt sich die Lage sichtlich und wir müssen nur noch 20 $ zahlen. Aber die Kongolesen unter uns sind immer noch am diskutieren und schließlich werden die drei Mundeles von der Gruppe getrennt und separat bewacht. Ein Soldat kommt, spielt mit seiner Waffe und fragt uns nach dem Trinkgeld für die Armee. Schließlich müsse er sich ja sein Bier kaufen können. Linda antwortet, dass er doch bitte mit den Kongolesen sprechen solle, wir hätten hier nichts zu melden. Letztendlich dürfen wir nach einer Zahlung von 5 $ weiterfahren, der Fahrer hat sein Hemd durchgeschwitzt und ist kaum mehr ansprechbar. Nach 300 Metern bricht ein kollektiver Lachanfall aus. Ist ja noch mal gut gegangen..
War noch was? Ach ja. Heute bekam ich diese eMail von der Botschaft. Aber keine Sorge, noch ist alles gut hier..
Sehr geehrte Damen und Herren,
am 18. März hat Herr Botschafter Dr. Blomeyer in einem Schreiben an alle deutschen Staatsangehörigen in der Demokratischen Republik Kongo Hinweise zur Sicherheitslage und zu Sicherheitsvorkehrungen gegeben, die auch heute weiter gelten.
Vor wenigen Tagen haben wir die Reisewarnung zur Demokratischen Republik Kongo aktualisiert. Wir weisen besonders auf die am 28. November bevorstehenden Wahlen und die Verkündung der Wahlergebnisse am 6. Dezember hin, in deren Zusammenhang es zu Unruhen kommen kann, die auch Ihre Sicherheit beeinträchtigen könnten. Unruhen können am Wahltag von den Wahllokalen ausgehen, sie können sich besonders auf Büros der Wahlbehörde CENI oder auf Regierungsgebäude erstrecken, sie könnten aber beispielsweise auch Universitäten erfassen. Wir empfehlen Ihnen, sich aus den Medien über angekündigte Demonstrationen zu informieren und große Menschenansammlungen zu meiden.
Wir haben heute keinen Anlass, Ihnen eine Ausreise aus der Demokratischen Republik Kongo nahe zu legen. Sollte sich die Sicherheitslage verschärfen, werden Sie umgehend neue Nachricht von uns erhalten. Wegen der schwierigen Kommunikations- und Transportverhältnisse werden wir Hilfe für akut in Not befindliche deutsche Staatsangehörige, die außerhalb von Kinshasa leben, praktisch nur über Dritte leisten können (z.B. MONUSCO, andere EU-Mitgliedstaaten, EUPOL/EUSEC, Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe).
Mit freundlichen Grüßen
Der Sicherheitsbeauftragte
Botschaft der Bundesrepublik Deutschland