I Need A Dollar..

Geld regiert die Welt – und vor allem die Demokratische Republik Kongo. Doch Geld ist hier nicht gleich Geld. Nach dem Bürgerkrieg wurde 2001 auch die Bezahlung in Devisen erlaubt. Neben dem Franc Congolais kann man im Kongo mit Dollar und Euro bezahlen, was oftmals bevorzugt wird. Denn der Franc Congolais ist eine sehr schwache Währung: Es gibt ihn nur als verdreckten, nach Urin riechenden Schein mit den Werten 50, 100, 200 und 500, Münzen existieren hier nicht. Und Kokain findet man auf den Scheinen sicherlich auch nicht, wer kokst schließlich mit einem Schein, der noch nicht mal einen Dollar Wert ist? Denn ein Dollar entspricht ca. 900 Francs, ein Euro entspricht ca. 1200 Francs. Das heißt, dass man beim Autokauf mit den Francs schnell mal drei Sporttaschen voller Scheine zum Bezahlen mitbringen muss. Die Ausfuhr des Francs ist verboten, um die Währung stabil zu halten, heißt es. Die Inflationsrate aber liegt bei 17 %. Einzig der Dollar bleibt stabil. Alte Scheine und One-Dolllar-Notes werden nicht angenommen, sie müssen also druckfrisch sein, diese Dollars. Sie werden sogar unter der Aufsicht der amerikanischen Finanzbehörde im Kongo gedruckt. Für 200 $ kann man eine Mercedes M-Klasse samt Chauffeur für einen Tag mieten, eine Prostituierte für eine Stunde kostet 100 $, eine Flasche Bourbon im Club 80 $, ein Päckchen Marlboro . Dagegen zahlt man für eine Mango 300 Francs, für eine Taxifahrt im Schnitt 400 Francs, für eine eiskalte Coca Cola 500 Francs, für ein Päckchen kongolesische Zigaretten 1000 Francs.

So ist das also: Für die teuren Dinge bezahlt der Amerikaner, für die billigen der Kongolese.

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Der 4. Oktober.

Der 4. Oktober soll also der ereignisreichste Tag meines bisherigen Aufenthaltes werden. Alles beginnt mit einer Einladung zur (nachträglichen) Feier des Tages der Deutschen Einheit in der deutschen Botschaft in Kinshasa. “Straßenanzug und Uniform erwünscht” lautet der Dress-Code der Veranstaltung, die gemäß deutscher Pünktlichkeit um 18 Uhr beginnt. Linda, eine deutsche Medizin-Studentin, die in einem Projekt an zwei Kliniken in Kinshasa Gebärmutterhalskrebs-Screenings durchführt und ihr kongolesischer Freund Serge waren ebenso wie zwei andere Deutsche mit von der Partie. Linda hat eigens für unsere Gruppe den Sprinter der Klinik organisiert, hinten fensterlos und ohne Sitzbänke, dafür aber mit Plastikbestuhlung. Klimaanlage hatte der Bus natürlich auch nicht, aber in Kinshasa ist es schließlich nicht verboten, mit offenen Schiebetüren herumzufahren. Die Botschaft liegt in einen schönen und relativ ruhigen Viertel der Innenstadt – quasi das Diplomaten- und Politikerviertel des gesamten Kongos, direkt am Fluss, der die Grenze zur Republik Kongo mit der Hauptstadt Brazzaville darstellt. Auf dem Weg dorthin fahren wir vorbei am Justizpalast, der chinesischen Botschaft und einem Gebäudekomplex, der zur staatlichen Administration gehört. Auf einmal ruft Serge dem Fahrer zu, er solle anhalten, zieht mich am Arm, drückt mir einen Fotoapparat in die Hand und warnt mich vor: “Das wird dir gefallen!” Ich steige aus, er zieht mich hinter sich her und begrüßt eine Runde von Männern in Anzug und Krawatte mit den Worten: “Bonjour, Monsieur Lumumba.” Ich bin perplex und kann kaum Worte fassen, bis sich Monsieur Lumumba mir als der biologisch erstgeborene Sohn von Patrice Émery Lumumba vorstellt. Wow! Das ist Geschichte zum Anfassen, zumal er seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten ist: Kinnbart, langgezogene Nase, dieselben Augen, den gleichen Friseur und fast auch das Charisma seines Vaters. Er gibt mir seine Nummer und verspricht mir, mich anzurufen, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.

Wir müssen auch gleich weiter, sonst verpassen wir noch die Vorband in der Botschaft. Dort angekommen drückt Linda dem Fahrer 10 $ in die Hand für die Verpflegung, während wir uns dem Eingang der Botschaft nähern. Ausweiskontrolle, Sicherheitskontrolle, Metalldetektoren. Es muss ja alles seine sichere Richtigkeit haben. In der Botschaft stehen sind der Botschafter Dr. Blomeyer und seine Frau am Eingang und schütteln eifrig Hände, ziemlich viele, wie sich später herausstellt, weil weit über 250 Gäste anwesend sind, die sich von Kongolesinnen in schwarz-rot-goldener Kleidung Wein, Bier und Häppchen servieren lassen. Da gehen also unsere Steuergelder hin. Das erste was ich mache, ich schnappe mir ein Gläschen Wein, schließlich soll sich das Tragen meines “Straßenanzugs” auch lohnen. Wir kommen auch schnell mit ein paar Deutschen ins Gespräch, die geschäftlich in Kinshasa sind. Sie machen so genannte Kompensationsgeschäfte, d.h. sie bieten der kongolesischen Regierung den Bau von Straßen im Tausch gegen Minenkonzessionen an. Natürlich sind die Konzessionen weitaus mehr Wert als die Straßen. “Aus einem Dollar mach ich hier 30!” erzählt mir Jürgen ganz stolz. Jürgen wohnt mit seiner Familie in Deutschland, hat seinen Erstwohnsitz aber in Litauen “wegen der Steuern”, wie er sagt. Das private deutsche Unternehmen befindet sich ebenfalls komplett in Deutschland, hat seinen Sitz aber in Malta “wegen der Steuern”, wie er sagt. Irgendwann sage ich zu Serge: “Das sind die wahren Teufel, die den Kongo zugrunde richten.” Wir werden von der Ansprache des Botschafters unterbrochen, die zunächst mit den Nationalhymnen der beiden Länder beginnt. Das kongolesische Streichorchester zelebriert erst die deutsche. Stille, bedrückendes Auf-den-Boden-Starren. Dann geht es weiter mit der kongolesischen Hymne. Man hört ein leises Murmeln der Kongolesen, das gegen Ende sogar zu einem regelrechten Gesang ausartet und mit einem kräftigen Applaus honoriert wird – das ist eben das klassische Motiv introvertiert vs. extrovertiert. Der Botschafter hält seine Ansprache auf Französisch, betont mehrfach, dass “Deutschland keinerlei Interesse daran hat, einen bestimmten Kandidaten im Vorfeld der Wahl im November zu unterstützen”. Na klar.

Danach wird gegessen: Spätzle, Sauerkraut, Kasseler, Rotkohl und andere kulinarische Köstlichkeiten aus Deutschland stehen auf dem Speiseplan. Obwohl wir irgendwann vollgestopft und betrunken sind, diskutieren wir wild über Politik im Kongo, Sozialismus und Kapitalismus. Die Frage, die wir uns stellen: Wer hat eigentlich gesagt, dass die Demokratie das beste für den Kongo ist? Um 22 Uhr ist Schluss mit Diskussion, Feierei und Trinkgelage und wir schwimmen mit dem Strom der letzten nach draußen. Am Ausgang steht ein Mann, der mir vorgestellt wird, ein Sachbearbeiter der Botschaft. Schließlich stellen wir fest, dass er aus Künzell stammt und meine Mutter im Zuge der Hochzeit mit seiner französischen Frau beim Rechtsanwalt gedolmetscht hat. Man trifft sich also in Kinshasa..

Der Fahrer hat vor der Botschaft artig auf uns gewartet und wir steigen gegen 22 Uhr ein. Da er neu ist, kennt er sich noch nicht so wirklich in Kinshasa aus und wir landen nach bereits drei Minuten fahrt in einer Sackgasse. Unser Auto wird umringt von mit Kalaschnikow bewaffneten Soldaten. Ob wir nicht wüssten, dass man hier nicht lang fahren darf. Schließlich befände sich in einem Kilometer die Residenz des Präsidenten Kabilas. In Europa würde man sagen: “Es tut uns Leid, der Fahrer wusste das nicht” und man dreht einfach um. Nicht so in Kinshasa. “Alle Mann aussteigen!” Es wird wild gestikuliert, Ausweise kontrolliert und schließlich wird uns gesagt, wir müssten eine Strafe von 50 $ zahlen, schließlich seien ja drei Mundeles mit an Bord, die haben ja Geld. Als wir ihnen erzählen, dass wir von der deutschen Botschaft kommen, die wie gesagt nur drei Minuten entfernt ist, entspannt sich die Lage sichtlich und wir müssen nur noch 20 $ zahlen. Aber die Kongolesen unter uns sind immer noch am diskutieren und schließlich werden die drei Mundeles von der Gruppe getrennt und separat bewacht. Ein Soldat kommt, spielt mit seiner Waffe und fragt uns nach dem Trinkgeld für die Armee. Schließlich müsse er sich ja sein Bier kaufen können. Linda antwortet, dass er doch bitte mit den Kongolesen sprechen solle, wir hätten hier nichts zu melden. Letztendlich dürfen wir nach einer Zahlung von 5 $ weiterfahren, der Fahrer hat sein Hemd durchgeschwitzt und ist kaum mehr ansprechbar. Nach 300 Metern bricht ein kollektiver Lachanfall aus. Ist ja noch mal gut gegangen..

War noch was? Ach ja. Heute bekam ich diese eMail von der Botschaft. Aber keine Sorge, noch ist alles gut hier.. :)

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 18. März hat Herr Botschafter Dr. Blomeyer in einem Schreiben an alle deutschen Staatsangehörigen in der Demokratischen Republik Kongo Hinweise zur Sicherheitslage und zu Sicherheitsvorkehrungen gegeben, die auch heute weiter gelten.

Vor wenigen Tagen haben wir die Reisewarnung zur Demokratischen Republik Kongo aktualisiert. Wir weisen besonders auf die am 28. November bevorstehenden Wahlen und die Verkündung der Wahlergebnisse am 6. Dezember hin, in deren Zusammenhang es zu Unruhen kommen kann, die auch Ihre Sicherheit beeinträchtigen könnten. Unruhen können am Wahltag von den Wahllokalen ausgehen, sie können sich besonders auf Büros der Wahlbehörde CENI oder auf Regierungsgebäude erstrecken, sie könnten aber beispielsweise auch Universitäten erfassen. Wir empfehlen Ihnen, sich aus den Medien über angekündigte Demonstrationen zu informieren und große Menschenansammlungen zu meiden.

Wir haben heute keinen Anlass, Ihnen eine Ausreise aus der Demokratischen Republik Kongo nahe zu legen. Sollte sich die Sicherheitslage verschärfen, werden Sie umgehend neue Nachricht von uns erhalten. Wegen der schwierigen Kommunikations- und Transportverhältnisse werden wir Hilfe für akut in Not befindliche deutsche Staatsangehörige, die außerhalb von Kinshasa leben, praktisch nur über Dritte leisten können (z.B. MONUSCO, andere EU-Mitgliedstaaten, EUPOL/EUSEC, Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe).

Mit freundlichen Grüßen

Der Sicherheitsbeauftragte
Botschaft der Bundesrepublik Deutschland

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Eine weiße Taube unter schwarzen Schafen oder eine schwarze Taube unter weißen Schafen – der Mundele.

Mundele bedeutet so viel wie Neger. Nur eben umgekehrt. Weißer Neger. Ein Mundele wird üblicherweise im Weizenglas serviert. Der Mundelekuss, der Mundelekopf, die Mundeleprinzessin und der Mundelekönig, der Nickmundele, die Mundelekinder, der weiße Peter, der Sarotti-Mundele, das Mundelebrot, der Minimalpigmentierte, einen Mundele abseilen.

Der mundele wird von allen Seiten angegafft, sei es wegen des Interesses am Exotismus oder aus rassistischen Gründen. Manchmal ist es auch beides. Vergleichbar ist die Situation mit dem farbigen Hassan aus dem Senegal, der in Fulda bei der städtischen Müllabfuhr arbeitet und am Wochenende mit seinem Fußballverein die Rhöndörfer abklappert. Auch er wird in Weyhers und Reulbach von allen Seiten angegafft und ebenso wie der mundele mit diffamierenden Ausdrücken benannt. Nur, dass seine Großeltern nicht den Niedergang Europas auf dem Gewissen haben. Wenn man derartig angegafft wird, gibt es zwei Möglichkeiten zu reagieren: Die erste Möglichkeit ist den Blicken zu entfliehen und auf den Boden, in die Luft oder auf sein Handy zu schauen. Die zweite und gefährlichere Lösung ist der direkte Blickkontakt. Dabei ist von freundlich über grimmig bis böse alles erlaubt. Die Gaffer sind mit der Situation oft überfordert und quittieren den direkten Blickkontakt meist mit einem freundlichen oder respektvollen “Bonjour”. Die Gefährlichkeit beim direkten Blickkontakt liegt darin, dass die Möglichkeit besteht, dass er mit einem Blick erwidert wird, der den Hass der schwarzen Bevölkerung auf die ehemaligen weißen Kolonialherren bündelt. Auch wenn unsere Generationen damit nichts mehr zu haben – vordergründig zumindest.

Über den mundele wird ständig geredet. In der dem mundele fremden Sprache kennt der mundele meist nur das Wort mundele. Das ist so, als wenn man abstehende Ohren hat und man hört zwei Menschen, die sich in einer fremden Sprache unterhalten: “Blablablabla abstehende Ohren blablablabla.” Gelächter!

Der mundele steht ständig im Mittelpunkt: Verkäufer und Prostituierte reißen sich um den mundele, die weiße Hautfarbe symbolisiert Wohlstand – oftmals ist diese Annahme unberechtigt. Schließlich messen sich Wohlstand und Reichtum an den relativen Lebenshaltungskosten und nicht an der Hautfarbe.

Sobald man als mundele irgendwo eine/n anderen mundele sieht, grüßt man überschwänglich und freut sich. Das ist ungefähr vergleichbar mit der Situation in Südfrankreich auf dem Campingplatz, wo man das einzige Auto mit deutschem Kennzeichen neben dem eigenen sucht, das man gerade noch am Eingang gesehen hat. Wenn man sich allerdings an einem Ort mit ganz vielen mundeles befindet, bemerkt man, wie schön es ohne diese ganzen mundeles war…

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Radio-Beitrag Deutsche Welle

Am vergangenen Donnerstag hatte ich die Ehre, meine Arbeit in einem Radio-Beitrag der Deutschen Welle vorstellen zu können. Den Artikel mit Podcast findet ihr hier: Deutsche Welle Beitrag

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Was mir fehlt.

Mir fehlt
mein Bett
meine Freundin
meine Familie
eine heiße Dusche
‘echter’ Kaffee
‘echte’ Milch
‘echtes’ Brot
ein Cheeseburger
mein Auto
schnelles Internet
ein Stadtbus
die Bundesliga
der Konsum.

Mir fehlen
meine Freunde
meine Turntables.

Hätte ich das alles, würde mir Kinshasa fehlen.

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Eine Taxi-Fahrt…

Immer die Hand raus, wenn ein Auto vorbeifährt. Sobald man winkt und ein Taxi vorbeifährt, hält es auch an. Oder eben nicht. Die Nicht-Taxis fahren sowieso vorbei. Ein Auto hält, ein Junge mit Geldscheinen in der Hand ruft ununterbrochen „rondpoint, rondpoint“ – Kreisverkehr also. Ich steige ein in den Toyota, der wohl bis auf die Karosserie nur Ersatzteilen besteht, wobei selbst die Karosserie jedem TÜV-Rheinland-Gutachter schlaflose Nächte bereiten würde. Der rechte vordere Kotflügel ist im Gegensatz zur grauen Farbe des Restes in ausgebleichtem rot lackiert und der linke vordere Kotflügel fehlt ganz. Die linke Radaufhängung blitzt somit auf und es quietscht schrecklich, wenn der Wagen rollt. Ich sitze hinten und warte darauf, dass der Fahrer endlich losfährt. Doch der Junge mit den Geldscheinen erzählt nach wie vor mit sehr lauter Stimme die monotone und für mich nun uninteressante Geschichte vom Kreisverkehr. Der Fahrer ist genervt und dreht das Radio auf. Aus selbstgebauten und kurios verdrahteten Boxen dröhnt ein klischeebelasteter und überdrehter Rumba-Track, der Fahrer murmelt den Text leise mit und dreht beim Refrain noch mal so richtig auf. Das scheint auch den zweiten Fahrgast nicht daran zu hindern, sich neben mich zu setzen. Auch er hat den Kreisverkehr-Rufen nicht widerstehen können und sitzt nun mit mir im Boot. Ein kurzes „Bonjour“ und mein Sitznachbar beginnt einen scheinbar sehr effizienten Sekunden-Mittagsschlaf. Kreisverkehr, Kreisverkehr – wahrscheinlich wäre ich schon längst hingelaufen. Aber der Fahrer fährt erst los, als wir es uns auf der Rückbank zu dritt gemütlich gemacht haben und sich auf dem Vordersitz gleich drei schmächtige Männer installieren. Der unterste schnallt sich an, nach dem Gesetz muss sich die vordere nämlich Reihe anschnallen. Lächerlich, denn das Gesetz verbietet scheinbar nicht, dass vier Leute vorne sitzen. „Es wäre mir lieber, wenn Du eine Frau wärst“, sagt der Mann, der unten sitzt. Alle lachen. Aber der Fahrer fährt endlich los und steckt dem Jungen mit dem Geld noch mehr Geld zu. So läuft das hier also, wer Geld hat, der kriegt noch mehr davon. Die Tankanzeige steht bei minus 3 Litern und die Öl-, Wartungs- und Handbremsenkontrollleuchten verbünden sich zu einer Diskotheken-Lichtanlage. Der Fahrer versucht den Schlaglöchern auszuweichen. Er versucht es wirklich, aber die abgenutzten Stoßdämpfer bestrafen besonders die Rückbank bei jedem Fehlversuch. Wir rollen den Berg herunter, der Fahrer macht den Motor aus, um Sprit zu sparen. Ausgeschalteter Motor bedeutet aber keine Hydraulik, das heißt keine Bremsen und kein ABS. Kein was, ABS? Aber der Fahrer ist weitsichtig, weicht einem Huhn aus, überfährt fast zwei Schulkinder und macht seinen Motor rechtzeitig wieder an, nachdem er von weitem die wirkliche Gefahr des Straßenverkehrs von Kinshasa entdeckt hat – einen Stau! Eine Vollbremsung später ist auch mein Sitznachbar wieder wach. Ich hatte mich ernsthaft an die Papa Wemba-Imitation des Fahrers gewöhnt, als mein Hörvergnügen durch ein krächzendes Hupkonzert unterbrochen wird. Verkehrsregeln gibt es hier nicht, jeder macht, was er will. Der mit dem größeren Landrover hat immer Vorfahrt, es gilt das Prinzip „survival of the fittest“. Das geht nicht immer gut, denn ein paar Meter weiter streift uns ein anderes Taxi und hinterlässt ein Raunen im Inneren und eine große Beule an der Karrosse des Taxis. Der Fahrer schimpft übel, gestikuliert noch übler, aber schließlich kriegt er sich wieder ein und wir erreichen das Ende des darwinistischen Reißverschlussverfahren. Wir sehen den wahren Grund des Staus. Ein anderes Taxi hat einen Platten und der Fahrer wechselt mit Hilfe der Fahrgäste den Reifen natrülich mitten auf der Straße. Ein Verkehrspolizist pfeift durch eine Trillerpfeife, aber das interessiert hier niemanden. Zudem versteht auch keiner, warum der Polizist pfeift, schließlich hat die Vorderbank ja die Anschnallgurte genutzt. Wir fahren weiter, Hupe und die Lichthupe immer im Anschlag. Hier weichen Fußgänger den Autos aus, nicht umgekehrt. Denn wenn jemand angefahren wird, ist es schließlich die Schuld des Angefahrenen, soll er doch aufpassen, wo er lang läuft. Der Amateur-Papa Wemba dreht wieder auf und jedes Schlagloch klingt wie Musik in meinem Rücken, allerdings wie schlechte. Endlich, der Kreisverkehr! Mein Sitznachbar wacht wie auf Knopfdruck auf und die drei Jungs auf dem Beifahrersitz verabschieden sich so langsam voneinander, Nummern haben sie nicht ausgetauscht. 400 Kongolesische Francs, umgerechnet 40 Euro-Cent und ein paar Nerven hat mich der Höllenritt gekostet und ich bin heilfroh, als ich dem Fahrer die verdreckten Scheine in die Hand drücke. Schweißgebadet suche ich das nächste Taxi, denn mit dem Taxi unterwegs zu sein ist hier wie mit einem deutschen Stadtbus zu fahren: Es geht von Haltestelle zu Haltestelle, nur dass man hier jede Haltestelle das Taxi wechseln muss…


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Let’s get around in Kinshasa!

 

Dass Kinshasa eine Stadt voller Gegensätze ist, wurde mir vorher erzählt. Aber ich hätte doch nie gedacht, dass es wirklich eine derart krasse Kluft gibt zwischen arm und reich, die man manchmal auch einfach als Kluft zwischen weiß und schwarz bezeichnen kann. Mehr dazu später! Nachdem mich der Prof. Basue, der mir am Donnerstag die Stadt zeigen wollte, vergessen hatte (daran muss man sich hier gewöhnen, allerdings muss ich sagen, dass mich die Kongolesen oft in Sachen Pünktlichkeit übertreffen), verschieben wir den Termin kurzerhand auf Freitag. Das heißt für mich: Schaffe, schaffe, Magisterarbeitshäusle bauen, um die Zeit zu nutzen. Der Zwischenstand: drei Seiten! Immerhin..

Die ersten Kontakte zu den Lehrkörpern hier sind auch schon geknüpft, Freitag vormittag sitze ich mit dem Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät und den Institutsleitern der Romanistik und Afrikanistik zusammen. Wir sprechen über zukünftige Projekte und meine Recherche-Arbeit. Sie sind alle sehr hilfsbereit und wir machen weitere Termine aus, für nächste Woche. Mittags findet schließlich die erste Kursstunde “meiner” bzw. Rabias Deutschklasse statt. Der Raum füllt sich langsam, am Schluss sind es ungefähr 20 Studenten, die alle sehr motiviert und wissbegierig sind. Wir machen etwas Verbkonjugation, Perfekt mit “haben/sein”, Futur mit “werden” und schließlich ein wenig Konversation. Obwohl viele Insider sagen, dass die Kongolesen sich kaum für Politik interessieren, ist das an der Universität natürlich anders. Zur Auswahl stehen Themen wie Sport, deutsche Küche, Musik oder Politik, und natürlich reden wir über Politik. Wir vergleichen Europa mit den afrikanischen Verhältnissen (vermessen!) und sprechen über das deutsche Politiksystem, die Europäische Union und Hitler. Das geläufige Vorurteil vieler Afrikaner, die keine Deutschen kennen, ist übrigens, dass wir alle sind wie Hitler: rassistisch, intolerant, laut, aber immerhin pünktlich und diszipliniert. Schließlich haben wir ja gute Autobahnen, das kriegen hier nur die Chinesen hin. Sobald sie in Kontakt kommen mit deutschen Zeitgenossen, wendet sich das Blatt überraschenderweise. Shama erzählte seinen Freunden nach seinem Deutschland-Aufenthalt letztes Jahr, dass es sehr viele nette Deutsche gibt. Das konnten sie partout nicht glauben.. Auf meine Frage im Kurs, wie die Partei Hitlers hieß, antwortet ein Student: “CDU!” Und meint das vollkommen ernst. Ich bekomme einen Lachanfall und werde arg verdutzt angeschaut, weil natürlich keiner den ungewollten Witz versteht.

Nach dem Kurs werde ich von drei Studenten zum Taxi gebracht. Während wir laufen, erzähle ich ihnen, dass ich mich erstmals getraut habe, ein Motorradtaxi zu nehmen. Das ist nämlich schneller, wegen den ganzen Schlaglöchern, die die Autos dazu zwingen, Schritttempo zu fahren. Allerdings ist das ganze ohne Helm doch ein sehr abenteuerliches Unterfangen. Auf jeden Fall erzähle ich den Studenten, dass ich für eine Fahrt 1000 Kongolesische Francs bezahlt habe, das ist umgerechnet ca. ein Euro. Die Studenten verfallen in ein schallendes Gelächter und es wird mir gesagt, dass ich verarscht wurde. Shama sagt grinsend: “Der Kurs ist 500! Du musst den Leute einfach selbstsicher das Geld hinhalten, als ob Du den Preis wüsstest. Man darf hier nie nach dem Preis fragen, denn dann wird man gelingt!” Ok, ich wurde verarscht. Ich wurde um 50 Cent betrogen… Was soll’s.

Abends holt mich Prof. Basue (der gutgebaute Türsteher) schließlich ab, nachdem er mich am Donnerstag vergessen hatte. Er hat ein riesiges Haus in Kinshasa gebaut, eigenhändig, innerhalb von sechs Jahren, mit mehreren Zimmern, die er an Gäste vermietet. Eigentlich wohnt er die meiste Zeit des Jahres in Valencia, lehrt an der Universität von Valencia und hat auch Frau und Kind dort. Wir fahren in die Innenstadt, es ist natürlich schon seit langem dunkel (ich bin immer noch beeindruckt, wie schnell das geht). Wir treffen drei seiner Freunde und nach dem ersten Bier ist die Verwandlung vom seriösen Professor für Internationale Politik in eine wahre Partymachine perfekt. Wir sitzen auf der Terrasse in einem Hinterhof, hier reiht sich Bar an Bar und aus jeder dröhnt übersteuerte Musik, sodass man sich bei dem ganzen Soundbrei nur schwerlich unterhalten kann. Das Bier liegt preislich bei ca. 80 Cent und ist eisgekühlt. Es ist für mich sowieso unbegreiflich, warum man an jeder Straßenecke eisgekühlte Flaschengetränke der Marke Coca Cola und Bier kaufen kann, obwohl es ja ein so eklatantes Problem mit der Stromversorgung gibt. Wir wechseln die Location, im Auto hören wir eine übersteuerte Rihanna-Remix-Compilation, während der Prof am Lenkrad dieses mit den Händen stets wieder verlässt, um den nächsten Break im Rihanna-Remix von DJ Antoine mit ausgestreckten Zeigefinger anzukündigen. In der Innenstadt ist die Straßenlage sehr viel angenehmer, es gibt sogar Ampeln, die auch beachtet werden! Wir kommen im ersten Club an, eher ein Pre-Club, zum Party Warmuppen. Bezeichnenderweise heißt er Black&White und der Name ist hier auch Programm: Das Schwarzen-Weißen-Verhältnis ist relativ ausgeglichen und der DJ spielt Crunk, Rap und ein bisschen Reggae und Latin. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich nach schon einer Woche daran gewöhnt habe, oft der einzige Weiße in einer ganzen Menschenmasse zu sein. Und seltsamerweise empfand ich es als störend, in einem Club zusammen mit ca. 20 Weißen zu sein. Aber gut, Rauchverbote gibt es hier nicht, darum heißt es für mich: Rücken an die Wand, Zigarette anzünden und beobachten. Hier kostet das Bier bereits 5 $ und der Prof bestellt eine ganze Flasche Johnny Walker mit Cola für die gesamte Gruppe. Der Prof ist übrigens sehr bekannt in der Szene, denn wir bezahlen in keinem einzigen Club Eintritt (der liegt normalerweise zwischen 5 und 10 $).

Nach einer Stunde geht es weiter zum zweiten Club, die Stadt wirkt wie leergefegt. Ab und zu sieht man mal ein paar schwer bewaffnete Polizisten am Straßenrand stehen, die ihre Kalaschnikow den vorbeirauschenden Autos wie ein Phallus-Symbol präsentieren. Aber wie gesagt, die Polizei ist hier nicht immer dein Freund und Helfer, außer, Du bist derjenige, der sie bezahlt. Aber dennoch muss ich sagen, dass ich auch hier kein einziges Mal Unsicherheit verspüre, entgegen den ganzen Geschichten, die ich im Vorfeld gehört habe. Ich denke, die stammen eher noch aus der Zeit als auch in Kinshasa Krieg herrschte (das ist gerade mal ca. zehn Jahre her!), aber in der Regel wollen die Leute in Kinshasa einem nichts Böses, sondern sie wollen einfach nur Geld. Das ist die einfache Regel… Das ist auch die Regel im zweiten Club, dem Chez N’Temba, der mich doch arg an das La Viva in Würzburg oder das ehemalige La Bohème 2 in Fulda erinnert, aber im Gegensatz zu den genannten randvoll mit Menschen gefüllt ist. Das Bier hier kostet schon 7 $ und man bemerkt das ein oder andere leichter bekleidete Mädchen, das hier sicherlich nicht nur zum Spaß da ist. Die Krönung des ganzen erlebe ich im dritten Club, denn hier kostet das Bier 8 $ und es sind – laut Prof. Basue – mehr Prostituierte im Raum als “normale” Gäste. Insgesamt sind ca. 60 Personen im Club… Das klischeehafte Bild erhärtet sich: in jedem Winkel ist ein Weißer zu sehen, mit einer farbigen Frau auf dem Schoss oder in den Armen und dreimal darf geraten werden, wer die mindestens 100 $ pro Stunde bezahlt: Natürlich die UNO! Um halb 5 Uhr morgens komme ich endlich wieder im Guesthouse an. Man kann also auch in Kinshasa gepflegt feiern gehen. Wie gesagt, eine Stadt voller Gegensätze…

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